Der Freund

Immer. Lange bevor da irgendetwas wäre, an das ich mich entsinnen könnte, und lange bevor ich seinen Namen kannte. Immer strich er seine Finger durch meine Haare und streichelte meine Wangen.

In meinem Wald, von nervigen Blättern, felligen Tieren und fetten Schatten überfüllt, blieb mir nicht ein Zentimeter. Ständig war ich auf der Flucht. Erstickte. Er aber raunte mir in die Ohren. Die gefallenen Blätter begannen zu tanzen, bildeten Girlanden. Säuselten mir das Vertrauen zu, das mir immerzu abging. Diese Kraft, die Flügel verleiht und träumen lässt. Vom Schlimmsten. Vom Schönsten.

Einerlei, ob die Ahornblätter erzittern oder der Tannenbaumstamm knarrt, der Wind ist dieser Freund, der verhindert, dass du einsinkst oder erstarrst. Im Dachgebälk, zwischen den Mauern der Häuser, oben auf dem Hügel oder in der Gabelung eines Baumes bleckt der Wind als Pfeifen, Surren und Sausen ein unermessliches Insekt.

Den Bäumen in der Lichtung entlarvt er ihre schülerhafte Haltung. Das ist ein Ahorn. Das ist eine Buche. Das sind Laubbäume. Der Stamm hält die Äste. Nicht von Brise spreche ich noch von diesem Lüftchen, in dem die Zweige schaukeln und ein Ast schwankt von Zeit zu Zeit. Wind heisst Wind, reimt mit Kind, Engel und Untier!

Den du für Wald nahmst, nimmt dir, von überall und nirgendwo entsendet, der Wind. Er entfaltet eine Decke, die jedem Baum seine Grenzen entwendet. Ein Ast schwingt seine Zweige und Blätter nach oben, der Ast über ihm übernimmt den Schwung, übergibt ihn seinem Nachbar darüber, der darüber überbringt, als sei er der Urheber, die Geste seinem Nachbarn darüber, es wird, als hätten sie es abgesprochen, ein Tanz vom Zaun gebrochen, ein Tanz, der den Ästen ihr Gewicht abnimmt, ein jeder schwillt auf, schwillt wieder ab, erhebt sich dagegen, fällt ab in den stetig aufsteigenden Regen, schaltet sich verschoben in die wallende Welle.

Die Bäume verschollen! Scharf rüttelt, rührt und peitscht der Wind, schafft ein riesiges rauhes Gewebe.  Die, die vormals Stämme waren, heben das Gewebe in die Schwebe, mehr schlecht als recht, denn sie schwanken schon selber hin und her, diese armen Teufel, viel lieber als tanzen verharren sie im Schweigen, doch nun sind sie gezwungen in den Reigen, den sie nicht kennen, behäbig ihre Gesten und doch vollkommen gelungen, diese tüchtigen Kerle, sonst so stramm und steif, scheren aus zum Tanz, zu Ehren dem Bruder vom Lieben Gott, und im röchelnden pfeifenden Zweivierteltakt, den mein Atem Zug um Zug meinen verschleimten Bronchien entlockte, diesen seltsamen Amphibien, die der Arzt mitten in meine Brust gepflanzt hatte, verlor ich völlig die Hoffnung und schöpfte urplötzlich wieder Hoffnung, der Wind blase den ganzen Wald um und eröffne den Raum, in dem ich mich endlich unbedacht bewegen konnte, wie ein Baum besoffen, dem grossen Hauch offen.